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Steve Reich - City Life

Steve Reich - City Life
ca. 60 Min.; Warner Music Vision
Ton: L-PCM Stereo; NTSC; RC 2-5

Steve Reich gehört zu den außergewöhnlichen amerikanischen Komponisten des 20 Jahrhunderts. Er wurde 1936 geboren und beschritt innerhalb des Amerikanischen Minimalismus, für den Reich selbst den Begriff Post-Minimalismus bevorzugt, bereits zu einem frühen Zeitpunkt seiner Karriere seinen eigenen Weg, der von den Experimenten John Cages in den sechziger Jahren geprägt ist. Heute wird sein Name in einem Atemzug mit Terry Riley, Philip Glass und John Adams genannt.

Die hier vorliegende, große Dokumentation von Manfred Waffender spürt die Hintergründe für die Entstehung von Steve Reichs City Life auf. Mit Hilfe zweiter Sample-Keyboards und Mikrophonen fing Reich die Klänge und Geräusche der Straßen New Yorks auf und ließ diese meisterlich in ein Werk für ein Streichquartett, Bläsern, Schlaginstrumenten und zwei Pianos einfließen. Im Film findet das Konzept seinen Höhepunkt mit der Aufführung des Stücks durch das Ensemble Modern unter der Leitung Sian Edwards’ in der Frankfurter Oper.

Die Dokumentation City Life wurde für den Prix Italia nominiert und auf dem Banff Television Festival und Input 96 gezeigt.

CITY LIFE – THE MUSIC(von Steve Reich)
Die Idee, dass jedes Geräusch und jeder Klang für Musik benutzt werden kann, hat das ganze 20. Jahrhundert durchzogen. Angefangen bei der Benutzung von Taxi-Hupen in Gershwins An American in Paris über Vareses Sirenen, Antheils Flugzeugrotor und Cages Radios bis hin zur Verschmelzung all dessen in der Rockmusik, die spätestens in den Siebzigern begann und noch deutlicher in zeitgenössischer Rapmusik zu verfolgen ist, ist das Bedürfnis, Alltagsgeräusche in die Musik zu integrieren, stetig gewachsen. Das moderne Sampling-Keyboard lässt die Ideen dazu wahr werden. In City Life sind nicht nur Sprachfetzen, sondern auch Autohupen, Türknallen, Luftdruckbremsen, das Klingeln der Untergrundbahn, Presslufthammer, Auto-Alarmanlagen, Herzschläge, Schiffstuten, Heulbojen, Feuerwehr- und Polizeisirenen Teil des Werks.

Im Kontrast zu meinen früheren Stücken Different Trains (1988) und The Cave (1993) werden die bereits aufgenommenen Klänge von einem Sample-Keyboard abgerufen. Es wird in dieser Performance kein Tonband benutzt. Das ermöglicht die Flexibilität des Tempos, das untrennbar mit der Situation einer Live-Performance verbunden ist. Es erweitert ebenso die Idee des „präparierten Pianos“, denn ein Sampling-Keyboard ist voller Klänge, viele davon von mir selbst in den Straßen New York Citys aufgenommen. Diese nicht-musikalischen Klänge legen bestimmte instrumentelle Entsprechungen nah, etwa Holzbläser für Autohupen, Basstrommeln fürs Türknallen, Beckenschläge für Luftdruckbremsen, eine Klarinette für Schiffshörner und mehrere unterschiedliche Instrumentenschichten für Sprachmelodien.

City Life ist ausgelegt auf zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Pianos, zwei Sampler, drei (oder vier) Schlaginstrumente und ein Streichquartett. Wie bei vielen vorangegangene Werken gilt auch hier der Verlauf A-B-C-B-A. Der erste und der letzte Satz verwenden jeweils Sprachsamples als Teil der musikalischen Textur, und beide wirken wie „schnelle“ Sätze, obwohl das reale Tempo des ersten moderat ist und das freilich schnelle Tempo des letzten Satzes wegen der vielen anhaltenden Klänge schwerer wahrzunehmen ist.

Die Harmonien, die in dem Choral, der den ersten Satz eröffnet und schließt, zu Es-Dur oder c-moll hinleiten, erscheinen im fünften Satz in einem dissonanten Kontext und münden dann in c-moll, das dann uneindeutig als entweder c-moll oder C-Dur endet. Zweiter und vierter Satz benutzen gar keine Sprache. Stattdessen wird jeweils ein rhythmisches Sample benutzt, welches das Tempo bestimmt. Im zweiten ist dies ein Presslufthammer, im vierten ein Herzschlag. Beide beginnen langsam und gewinnen dann an Geschwindigkeit. Im zweiten Satz geschieht dies, indem der Presslufthammer sich von Viertelnoten zu Achtelnoten und schließlich zu Triolen verändert. Im vierten Satz werden die Herzschläge in jeder der vier Teile des Satzes schneller. Beide Sätze sind dabei harmonisch auf dem identischen Kreis der vier dominanten Akkorde aufgebaut.

Der dritte und zentrale Satz beginnt mit reinen Sprachereignissen, die von zwei Samplern abgespielt werden. Hat dieses Duett sich vollständig aufgebaut, kommen die Bläser, Holzbläser und Schlaginstrumente hinzu und verdoppeln die Tonhöhen und Rhythmen der zwischengeschobenen Sprachsamples. Dieser Satz mag manchen Hörer an meine frühen Tonband-Stücke It’s Gonna Rain (1965) und Come Out (1966) erinnern.

Steve Reich: City Life ist in erster Linie ein Film über die Entstehung eines Stückes Musik. Der einstündige Film ist dabei in drei Teile aufgeteilt: Der erste Teil dokumentiert die Arbeit des Komponisten Steve Reich, der zweite zeigt die Proben des Ensemble Modern mit Sian Edwards und der dritte beinhaltet die Aufführung des gesamten Werks in der Alten Oper in Frankfurt/Main am 12. März 1995.

Der Film porträtiert den Komponisten Steve Reich, der 1936 in New York geboren wurde und als einer der wichtigsten Komponisten und frühen Protagonisten der Minimal Music gilt. „Ich interessiere mich für Wahrnehmungsprozesse. Ich möchte in der Lage sein, den Fortgang dieses Prozesses in der Musik von Anfang bis Ende zu hören“, erklärt Reich. In gleichem Maße folgt ihm der Film und wird dadurch nicht nur in den Schaffensprozess einbezogen, sondern auch in die Struktur der Musik.

Der Film benutzt Ansichten der Innenstadt von New York, die auf den gleichen Prinzipien basieren, die der Komponist auch für die Klänge der Stadt benutzt. Wie schon in früheren Werken, wie etwa in Different Trains, das vom Kronos Quartett aufgenommen und 1990 mit einem Grammy-Award ausgezeichnet wurde, arbeitet Reich auch bei City Life mit Originalklängen der Stadt – diesmal mit Verkehrslärm und Straßenklängen.

Die Kamera vollzieht die Soundtrack-Safaris des Komponisten nach und beobachtet ihn dabei, wie er die aufgefangenen Klänge auf zwei Sampling Keyboards und auf dem Computer in seinem Studio bearbeitet. Er erklärt sein Werk mit einfachen Klangbeispielen und deckt die Struktur des geplanten Stücks auf eine Art auf, die es auch für Laien verständlich macht.

Die erste Begegnung von Komponist, Dirigent und den Mitgliedern des Orchesters findet in Frankfurt am Main statt, in den Räumen des Ensemble Modern. Die Atmosphäre ist sehr entspannt, und es ist unübersehbar, wie zufrieden der Komponist mit den Klängen ist, er geschaffen hat.

Das Ensemble Modern, das 1980 gegründet wurde, steht ganz unter der Führung der Mitglieder selbst. Alle grundsätzlichen Entscheidungen – Programm, Dirigenten, Finanzverwaltung – werden in monatlichen Treffen gefällt, in denen jeder Musiker eine Stimme hat. Der Film verfolgt speziell die Proben und zeigt, dass die präzisen, oft sehr strikten Instruktionen des Komponisten, der Dialog mit dem Dirigenten und die praktische Arbeit an der Spieltechnik auf einem hohen Niveau der Konzentration stattfinden. Schritt für Schritt kann der Zuschauer verfolgen, wie das Stück Form annimmt und eine eigene Persönlichkeit entwickelt.

Am 12. März 1995 wurde City Life in der Alten Oper in Frankfurt am Main vom Ensemble Modern zum ersten Mal aufgeführt. Während das Orchester mit vier elektronischen Kameras aufgenommen wurde, fängt die dokumentarische Kamera die Bühne von der Vorder- und der Rückseite ein. Unmittelbar vor der Aufführung, wirft der Komponist noch einen sehr persönlichen Blick auf das nun abgeschlossene Werk.

In die Aufnahmen des Konzerts sind New Yorker Stadtansichten hineingeschnitten. Diese referieren nicht nur den Ursprung der benutzten Klänge, sie gestatten auch Einsicht in jene Stadt, die in den Ohren des Komponisten klingt – und dies im wahrsten Sinne des Wortes. „Denkt nur daran wie es war, als wir in New York waren, um drei Uhr morgens: überall Sirenen.... und das jeden Tag“, so Reich direkt vor dem Konzert. „So sieht die Wirklichkeit aus.

Das Ende [des Werks] wird von Feuerwehrautos und Lärm überlagert, und schließlich kommt es zu einer Art Auflösung, aber ein Stück wie City Life kann nicht einfach so abgeschlossen werden. Es ist ein dunkles, betäubendes Ende. Und es ist mein Abschiedsgruß an die Stadt.“

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